Tschingis Aitmatow wurde am 12. Dezember 1928 in Kirgisien, im Dorf Sheker geboren. Mit fünfzehn war er Sekretär des Dorfsowjets in Sheker und genau in dieser Zeit spielt die Geschichte „Dshamilja”. 1946 studierte er an der Technischen Hochschule in Dshambul Veterinärmedizin. Ab 1952 erscheinen in der Presse seines Landes eine Reihe von Erzählungen, mit denen er in die Literatur eintritt. Aitmatow übersetzt auch Werke kirgisischer Schriftsteller ins Russische. Von 1956 bis 1958 absolviert er ein Praktikum am Literatur-Institut „Maxim Gorki” in Moskau. 1957 wird er in den Sowjetischen Schriftstellerverband aufgenommen. 1959 trat er der KpdSU bei und begann damit seine politische Karriere. 1989 wurde er in Gorbatschows Präsidialamt berufen und ist heute in Brüssel Botschafter der Republik Kirgistan.
Das Buch:
Die Geschichte spielt sich in Kirgisien, irgendwo im Tal des Kukureuflusses, im Sommer des dritten Kriegsjahres, also 1942, ab. Said, der damals Fünfzehnjährige, erzählt die Geschichte seiner jungen, verheirateten Schwägerin Dshamilja und dem ehemaligen Soldaten Danijar, die sich ineinander verlieben, während ihr Mann im Krieg ist. Das Buch hat 120 Seiten und ist in der Ich-Erzählform geschrieben.
Dshamilia
Auf einer kleinen Anhöhe liegen zwei von einer dicken Ziegelmauer umschlossene Bauernhöfe. Dort wohnen Dshamilja, Said und deren Familien. Zwischen Dshamilja und Said herrscht eine enge und vertraute Freundschaft, denn sie haben keine Geheimnisse voreinander und dennoch wagen sie es nicht sich mit ihren Vornamen anzureden. Sondern, wie es der Brauch des Dorfes vorsieht, nennt Said Dshamilja Dshene, was so viel bedeutet wie, Frau des älteren Bruders und Dshamilja nennt ihn Kitschene bala, kleiner Junge. Said war sehr stolz, dass Dshamilja seine Schwägerin ist und er passte gut auf sie auf, dass kein anderer Mann ihr zu nahe kommt. Während die Männer im Krieg waren, mussten die Frauen und Kinder die harte Feldarbeit alleine verrichten. Eines Tages kehrt Danijar von der Front in sein Heimatdorf zurück. Die Zeit im Krieg hat ihn sehr geprägt und er ist von daher schweigsam und verschlossen. Er hält sich abseits und nimmt kaum am Leben des Dorfes teil, wodurch er schnell zum Außenseiter wird. Wegen seiner Kriegsverletzung am Knie arbeitet er mit den jungen Leuten auf dem Feld. Außerdem soll er mit Dshamilja und Said Getreidesäcke zur Sammelstelle bringen.
Danijar ist das genaue Gegenteil von Dshamilja, sehr introvertiert und für Said erscheint er sogar etwas geheimnisvoll. Wegen seiner Andersartigkeit wird er zum Opfer von Dshamiljas und Saids Hänseleien und Späßen. Sie machen sich oft über ihn lustig oder spielen mit ihm irgend¬welche Albernheiten. Danijar wehrt sich allerdings nie dagegen, er ärgert sich zwar darüber, jedoch lässt er die Scherze über sich ergehen. An der Getreidesammelstelle nehmen die Späße ein jähes Ende. Sie hänseln Danijar so lange, bis er einen Zwei¬Zentner-Sack alleine die lange Treppe zum Getreidespeicher schleppt. Durch die schwere Last bekommt er starke Schmerzen in sein verletztes Bein. Dshamilja und Said schämen sich für ihre unüberlegte Dummheit, als sie Danijar mit schmerzver¬zerrtem Gesicht stärker als je zuvor humpeln sehen. Sie versuchen ihm vorerst aus dem Weg zugehen, obwohl sich Danijar nichts anmerken lässt. Auf einer weiteren Heimfahrt von dem Kornspeicher fängt Dshamilja an zu singen und versucht Danijar zum Mitmachen anzuregen. Unerwartet fängt Danijar schüchtern leise an zu singen. Nachdem er seine anfänglichen Hemm¬ungen überwunden hatte, wird sein Gesang immer schöner. Dshamilja und Said sind ganz erstaunt und fasziniert über Danijars Gesangskünste. Sie konnten es tagsüber kaum erwarten, bis sie nachts wieder ins Dorf zurückfuhren und seinem wundervollen Gesang lauschen konnten. Es war als zog er die beiden durch seine schönen Lieder in einen magischen Bann. Aus Danijars Liedern kann Said entnehmen, dass er verliebt ist. Allerdings war Danijar nicht einfach in einen anderen Menschen verliebt, sondern es war eine andere, alles umfassende Liebe zum Leben und zur Erde. Diese Liebe erfüllt ihn ganz, sie war sein Leben und klang nun aus seinen Liedern. Seitdem Danijar anfing zu singen, sahen sie ihn mit anderen Augen. Er brachte Saids ganzes Wesen in Aufruhr, er nahm auf einmal die ganze Schönheit seiner Umwelt wahr. Said wird inspiriert und bekommt das Verlangen zu malen, er möchte Danijars Liedern Farbe geben. Auch Dshamilja veränderte sich, sie lachte und scherzte nicht mehr wie früher. Sie wurde etwas schwermütig und träumte oft vor sich hin. Während den täglichen Kutschfahrten kommen sich Dshamilja und Danijar schließlich näher. Immer wenn er anfing zu singen, setzte sie sich neben ihn. Anfänglich empfindet Said Eifersucht deswegen, doch als er sieht wie glücklich sie ist, freut er sich für sie. Kurz darauf verlieben sich die beiden ineinander und Danijar singt nur noch für sie. Said malt Danijar und Dshamilja in ihrer Verliebtheit.
Im Herbst geht Said nach zweijähriger Pause wieder in die Schule. Er hat seine Leidenschaft fürs Malen entdeckt. Als er eines Tages alleine am Fluss sitzt, sieht er in der Ferne Dshamilja und Danijar, wie sie sich mit Gepäck auf den Weg zur Ausweichstelle (Bahnübergang) machen. Da Said ahnt, dass die beiden Weg gehen wollen, rennt er ihnen nach, aber er stolpert und fällt hin. Auf dem Boden liegend begreift er, dass er Dshamilja nie mehr wiedersehen wird und fängt an zu weinen. Erst in diesem Moment wird im klar, dass er Dshamilja liebt. Im Buch wird diese Situation auch als Ende von Saids Kindheit beschrieben. Kurz darauf verlässt Said sein Elternhaus und geht auf eine Kunstschule. Das Bild, dass er damals von Dshamilja und Danijar gemalt hatte, wird seine Diplomarbeit.
Ich finde das Buch gut, wobei mir der Schluss mir am besten gefällt. Die Stelle, an der Said merkt, dass er Dshamilja liebt, ist schön beschrieben und gleichzeitig traurig, weil er weis, dass er sie nie wieder sehen wird. Das Buch ist leicht verständlich geschrieben, von daher konnte ich mich gut in die Geschichte hinein versetzten. Stellenweise ist es auch sehr romantisch, so dass es Spaß macht das Buch zu lesen und die Neugierde geweckt wird und man wissen möchte, wie sich die Situation der beiden Liebenden entwickelt. Manchmal ist das Geschehen etwas in die Länge gezogen, aber die Geschichte ist deswegen keineswegs langweilig. Im Vorwort des Buches steht, dass es die „schönste Liebesgeschichte der Welt” ist, aber ehrlich gesagt, bin ich da anderer Meinung. Es ist ein empfehlenswertes Buch mit viel Romantik, aber als schönste Liebesgeschichte der Welt würde ich sie nicht bezeichnen. Wahrscheinlich ist dies jedoch Geschmackssache.
Jens, 2003